Wie ein Track mein Leben veränderte…

Jeder kennt das Gefühl, wenn man von einem Konzert/Event zurückkehrt und man ist noch völlig überwältigt und kauft sich gleich alles, was der Künstler in den letzten Wochen und Monaten veröffentlicht hat. Und man kann gar nicht erwarten, was als Nächstes kommt.

Es gibt Songs, die hört man im Club oder im Radio und plötzlich hat man ein ganz genaues Bild oder Erlebnis aus der Vergangenheit vor Augen. Auch für mich gibt es Künstler und Tracks, die ihre ganz eigenen Spuren im Kopf hinterlassen haben. Ein Track hat eine ganz besondere Stellung bei mir und daran möchte ich euch teilhaben lassen:

Patrick Chardronnet – Eve by day:

https://www.youtube.com/watch?v=Tw4nhBMnIro

Bei der Nummer kommt es bei mir wie aus der Pistole geschossen: Hellraiser, Leipzig, 8. April 2006!!! Und das Datum habe ich nur deshalb noch so gut in Erinnerung, weil der Abend wie eingebrannt im Kopf bleibt. Also nehmt euch eine Tüte Chips, schnappt euch ein kühles Getränk, lehnt euch zurück und lest, was uns den Abend widerfahren ist.

Wir waren eine kleine Veranstalter-Crew von 4 Freunden aus Leipzig, haben mit unserer „Sync Source“ Party-Reihe zunächst klein begonnen und wollten dann expandieren. Nur das ging kräftig in die Hose. Aber von vorn!

Jeder, der schon einmal veranstaltet hat, weiß wie schwer es ist, den Fuß in die Tür zu bekommen. Sowohl bei den Clubs als auch bei den Leuten, die dir am Ende die Party finanzieren – nämlich deine Gäste. Bei unseren ersten Partys in einem kleinen Kellerclub im Zentrum Leipzigs haben wir viel Zuspruch bekommen á la „Jungs, ihr macht das toll – macht doch mal was Größeres!“. Und mit der Motivation im Rücken sind wir gestärkt auf die Suche gegangen. Auf die Suche nach der perfekten Location. Und das ist alles andere als einfach, gerade wenn man kaum Erfahrungen oder Kontakte hat. Dabei wollten wir nur feiern und Spaß haben…

Nach einiger Zeit sind wir auf den Hellraiser gestoßen. Für die, die den Schuppen nicht kennen: Er liegt im äußersten Osten von Leipzig, in einem abgelegenen alten Industriegebiet. Klar, auf den ersten Blick nicht verkehrt… klingt schön ranzig und heruntergekommen und somit ideal für Techno! Der Hellraiser wird bei vielen Veranstaltungen auch gern als Konzert-Location benutzt, einfach der Größe wegen. Musikalisch gibt es da ziemlich viel, meistens aber Rock, Punk und Heavy Metal. Naja. Der kleinere Floor des Hellraisers ist jedenfalls ganz gut für Techno-House-Minimal geeignet. Dachten wir.

Nachdem wir im Januar 2006 mit der Location alles klargemacht haben, jagte ein Unglück das Nächste. Innerhalb kürzester Zeit wurde die in Leipzig recht bekannte „Energy Clubzone“ aus dem Boden gestanzt, die an exakt dem gleichen Tag stattfinden sollte. Um es mit wenigen Worten zu erklären: das ist ein kommerzielles Massen-Event. Jeder, der ein Bändchen für ein paar Euro erstanden hat, darf am Abend in sämtliche Clubs der Stadt kostenlos rein. Von meinem Blickpunkt aus gab es damals noch nicht so eine schöne und interessante Subkultur wie heute. Das ist auch immerhin schon 8 Jahre her und zur damaligen Zeit war die Musik einfach noch nicht so richtig angesagt. Minimal und Tech-House waren noch tief im Underground verwurzelt und ich glaube den Begriff „Deep-House“ hat da noch keiner wirklich in den Mund genommen. Aber es war auch der Beginn einer Zeit, in der plötzlich bei jedem Event auf den Techno-/ House und Electro-Floors exakt die gleiche Musik lief.

Mit dieser Energy Clubzone am gleichen Tag war uns also klar: da wir nicht mitmachen, machen wir eine Gegenparty. Der Zuspruch war ja da. Nur der Headliner sagte plötzlich ab. Er durfte angeblich nicht mehr bei uns spielen, weil er zur Clubzone gebucht wurde. Keine schöne Geschichte aber nun gut – Ersatz musste also her. Und das drei Wochen vor dem Event. Ron Flatter ist kurzerhand eingesprungen und wir waren sehr glücklich darüber, dass wir doch noch eine schnelle Lösung gefunden haben.

Der Abend rückte also heran und die Gewissheit auch: das könnte heute richtig in die Hose gehen. Als Eintritt haben wir zwar nur eine kleine Spende verlangt, aber dafür müssen natürlich auch erst einmal die Leute den Weg in das verlegene Eck finden. Insgesamt hätten wir uns natürlich sehr über 200 oder 300 Gäste gefreut, am Ende waren es aber leider nur um die 50. Freunde, Personal und natürlich Gästeliste eingerechnet.

Gegen 0.30 Uhr haben wir vom Türsteher erfahren, dass sie jemanden rausgeschmissen haben. Ein Kerl um die 30 Jahre alt, der mit Rucksack und auffällig weißer Nase an der Bar sein Unwesen trieb.

Als ich dann draußen stand, um mit meinen Leuten zu reden, was genau passiert sei, tauchte der Typ wieder auf. Das gruselige Szenario muss man sich etwa so vorstellen: weit und breit gab es außer dem Mond kein Licht, nur eine kleine Birne am Eingang verwies auf den Weg. Dieser etwa 100 Meter lange dunkle Weg führte zum Club und am Ende dieses Wegs war plötzlich dieser Kerl. Wie ein Zombie: mit ausgebreiteten Armen stand er da und rührte sich kein Stück. Man hat nur seinen Umriss gesehen. Klar, man hat ihn des Geländes verwiesen und genau da blieb er jetzt stehen. Nur spätestens jetzt war uns allen klar, dass kein weiterer Gast mehr kommen würde. Zum Glück aber hatten wir erfahrene Türsteher. Die Jungs gehörten zum Club und kannten jede Ecke. Was sich noch als Vorteil herausstellen sollte. Ich kann mich an einen der beiden Kerle noch genau erinnern. Er hatte Oberarme so breit wie meine beiden Oberschenkel zusammen. Irgendwie beruhigend.

Wir haben dann über die Situation gelacht, haben gequatscht und plötzlich war der Typ weg. Wie vom Erdboden verschluckt. Keiner hat gesehen, wohin er gegangen ist. Aber irgendwie war uns das auch egal, innerlich haben wir die Sache längst abgehakt. Also sind wir wieder rein und haben aus dem Abend noch das Beste machen wollen.

Ron Flatter fing gerade an zu spielen, da war es gegen 2 Uhr. Als Veranstalter steht man ja immer unter einer gewissen Spannung, man muss sich ja auch um alles kümmern, nicht zuletzt um das Wohl seiner Gäste. Bloß der Großteil war schon weg und als dieser erste Schreckensmoment vorüber war, haben wir uns erst einmal alle einen kurzen Shot gegönnt.

Mehr Gäste kamen auch nicht mehr. Also haben wir einen der beiden Türsteher nach Hause geschickt und die Tür am Eingang verschlossen. Als wir gerade im Kassenhäuschen saßen und die paar gewonnenen Groschen gezählt haben, hörten wir plötzlich ein dumpfes und immer wiederkehrendes Geräusch. Hinter den Toiletten ging ein weiterer Gang ins Innere des Mainfloors, der an diesem Abend ja geschlossen war. Die Katakomben waren rötlich beleuchtet. Das sah schon irgendwo schön aus bzw. hätte nicht ganz nach Geisterbahn ausgesehen, wenn einfach noch ein paar mehr Leute da gewesen wären. Und es knallte und knallte. Ständig. Keiner wusste, woher das kam – im Nebenraum lief ja auch noch Musik. Ron spielte mittlerweile nur noch vor seinem Bruder, denn alle waren plötzlich draußen und haben sich gefragt: was zum Teufel ist hier los? Die Antwort kam schnell: unser Zombie war wieder da! Wie er reingekommen ist? – keine Ahnung. Vermutlich ist er von der anderen Seite des Clubgeländes in den Keller eingebrochen und hat sich den Weg nach oben gebahnt. Immer der Musik nach ist er an der Tür zwischen Club und Büro angekommen. Und das Knallen war genau diese Tür. Der Kerl stand völlig unter Drogen, was auch immer der genommen hat, er war gerade auf Maximum. Er schrie um sich und knallte die Tür ständig auf und zu. Als er uns gesehen hat, rannte er weg. Wir sind ihm sofort hinterher geeilt, aber weit sind wir nicht gekommen. Alles war voller Rauch! Auf halber Treppe haben wir einen brennenden Scheuerlappen entdeckt. Zufällig direkt neben 2 Gasflaschen. Im Nachhinein betrachtet hätte das richtig böse ausgehen können…

Der Kerl flüchtete wieder in den Keller. Und dieser Keller war ein riesiges Labyrinth. Ein ellenlanger Gang und jeweils links und rechts offene Räume mit Schutt, Holz und allem möglichen Unrat. Licht gab es dort natürlich keines. Smartphones mit ordentlicher Beleuchtung gab es 2006 auch noch nicht. Irgendwoher haben wir dann 2 kleine Taschenlampen bekommen. Jeder von uns hat sich eine Zaunlatte geschnappt, die dort herum lag. Man konnte ja nicht wissen, ob oder von welcher Seite man gleich angegriffen wird bzw. ob er überhaupt bewaffnet ist. So haben wir Raum für Raum durchkämmt. Alle zusammen und jeder mit der gleichen Angst im Nacken, denn allein das Szenario, die Dunkelheit und die Umstände waren schon wie ein richtiger Thriller. Und plötzlich bist du mittendrin!

Ich weiß gar nicht mehr, wer den Kerl dann gefunden hat. Es muss allerdings schon ein ziemlicher Schreck sein, wenn dich völlig unerwartet am Ende des Raumes zwei große Augen angucken. Der Kerl saß zusammengekauert in der Ecke, wimmerte und war scheinbar von seinem Trip gerade völlig runter gefahren.

Kurz später war der Spuk vorbei. Der Typ (wir wissen seinen Namen bis heute nicht) wurde der Polizei übergeben und wir sind dann geschlossen auf den Floor zurück gegangen und haben Ron´s tolles Set gefeiert. Er spielte ja schon seit gut einer Stunde und da lief sie dann: diese unglaubliche Nummer! Patrick Chardronnet mit „Eve by day“. Kein Track hat mich bis dahin jemals so sehr mitgerissen wie diese Nummer in dieser Nacht. Das Adrenalin noch tief in den Knochen und dann kamen diese wunderbaren Klänge. Unbeschreiblich!

Jedes Mal, wenn ich diesen Track höre, muss ich an diesen 8. April 2006 zurück denken. Das war übrigens auch der Moment, wo ich mich vollends von der alten Hardstyle/Hardtrance Musik verabschiedet habe. Bis Anfang 2006 hatte ich noch diverse Projekte für ein italienisches Label produziert. Nur ab dieser Nacht wollte ich keine andere Musik mehr hören und produzieren. Und dieser Musik bin ich ja auch bis heute treu.

Ich bereue es aber keineswegs, dass wir die Party dort gemacht haben. Finanzieller Verlust hin oder her, aber die Erlebnisse kann dir einfach keiner nehmen. Und ganz nebenbei habe ich an dem Abend Ron Flatter persönlich kennengelernt. Knapp ein Jahr später erschien ja meine erste Platte auf seinem Label „Playmate“ bzw. später „PM Music“. Es hatte also doch etwas Gutes!

Man kann also sagen, dass dieser Tag mein Leben verändert hat. Niemals vorher hatte mich Musik so in den Bann gezogen. Und alle dann folgenden Veröffentlichungen waren ja der Grundstein für meine heutige Selbständigkeit (siehe Blogeintrag #1).

Ron haben wir übrigens am Abend nichts davon erzählt. Wir wollten ja, dass er ruhig und mit einem guten Gewissen nach Hause fährt. Ein paar Jahre später habe ich das dann aber nachgeholt. Er fand es auch sehr beruhigend, während des Sets entweder in die Luft zu fliegen oder abgefackelt zu werden. Nun ja. Wir haben´s ja dann doch irgendwie alle überlebt. 😉

So liebe Freunde der Gruselgeschichten, immer daran denken: Licht anschalten im Keller!

Buuuhuuuuuuu,

Marc

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Veröffentlicht in Allgemein

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