Selbst und ständig… Ein Leben in der Selbständigkeit als Musiker

Hallo liebe Lesende,

heute möchte ich meinen hier neu angelegten Blog-Account entjungfern und euch aus gegebenem Anlass einen kleinen Blick ins Nähkästchen geben.

Seit dem 1. April 2013 bin ich „freischaffender Künstler“, oder anders gesagt: Selbständiger in der Branche Musik. Das ist nun fast auf den Tag genau ein Jahr her und daher möchte ich auch für mich mal ein kleines Resümee aus der ganzen Sache ziehen, während ich die Zeilen hier so herunter tippe und möchte dafür vielleicht auch erst einmal ein paar Jahre zurückblättern.

Der Schritt, in die Selbständigkeit zu gehen war kein leichter, er war mit vielen Bedenken und Risiken verbunden, aber seitens meines Arbeitgebers – den ich der Öffentlichkeit wegen nicht namentlich erwähnen möchte – war es glücklicherweise auch kein all zu schwerer Weg. Schließlich musste ich meinen sicheren Job im öffentlichen Dienst nicht quittieren, sondern bekam die Möglichkeit, ihn schlichtweg auf Eis zu legen. Darüber kann ich mich sehr glücklich schätzen und ich bin meinem Arbeitgeber unheimlich dankbar für alles – einschließlich aller Vorgesetzter, die sich dafür stark gemacht haben, damit ich meinen Traum leben kann.

Nun ist also ein Jahr vorbei. Es ist 10 Uhr morgens, ich sitze auf meinem Balkon, die Sonne strahlt auf den Laptop und der Kaffee schmeckt wunderbar. Aber was sich wie Urlaub anhört und von vielen Seiten als „allergrößter Traum überhaupt“ betitelt wird, ist tatsächlich – wer hätte es geglaubt – knallharte Arbeit. Also lasst euch mal in meine Welt entführen.

Angefangen hat alles 1999 auf meinem kleinen 486´er PC, der gerade einmal eine Festplattengröße von 105 MB hatte, wovon „Windows 3.1“ nicht einmal 30 MB eingenommen hat. Das waren noch Zeiten, was? Mit dem „Impulse Tracker“ habe ich damals im MS-DOS Modus Musik gemacht. Die Älteren unter euch werden es noch kennen: das war mit ohne Maus.

Die Jahre gingen ins Land und die BPM-Zahlen wurden kleiner. Ja, ich habe bei 160 BPM angefangen und die ersten Tracks hießen „Nasenbluten“ oder „Langhaarige Zombypussy“. Nun gut, soviel dazu. Über Trance, Hardstyle und Gabber bin ich also irgendwann zu der Musik gekommen, die ich heute noch über alles liebe. Und um die Jahre 2002-2005 habe ich auch als DJ erste Gehversuche gewagt. Halt hier und da im Umkreis für und bei Freunden ein paar Platten drehen. Später dann auch mal ein paar eigene Events machen, aber halt nichts Großes. Alles Hobby, alles nur aus Spaß. Und den hatten wir wirklich!

Parallel hatte ich ja immer noch meinen Job. Zwar unbefristet, allerdings seit Ende meiner Ausbildung nur auf Teilzeitbasis. Und das schwankte zwischen 20 und 30 Wochenstunden. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Nun war ich also 25 Jahre alt und dachte mir: „Das kann´s doch noch nicht gewesen sein!?“. Leider gab es damals keine Möglichkeit, mich auf Vollzeit zu beschäftigen. Also habe ich dann ein 3-jähriges Abendstudium an einer Wirtschaftsakademie gemacht um mir die Hoffnung auf Mehrstunden zu ermöglichen. Eine schöne Zeit war´s, aber leider hat mir der Abschluss auch keine neuen Türen geöffnet.

Zeitgleich kamen die ersten Auftritte in größeren Clubs. Und so wurden aus 20 EUR Aufwandsentschädigung für den Sprit plötzlich 50 oder 100 EUR. Und natürlich kamen dann auch die ersten Clubs und Veranstalter, die dafür gern eine Rechnung haben wollten. Und das war für mich Neuland. Wie also schreibt man eine Rechnung?! Und überhaupt: bin ich dann eine Firma? Und wie erkläre ich das gegenüber dem Finanzamt? Fragen über Fragen.

Aber so wurde allmählich aus dem Hobby Musik ein kleiner Nebenjob. Natürlich wuchs alles sehr bedächtig, aber das war ja nicht schlimm. Über die Zeit habe ich also angefangen, mir ein richtiges Netzwerk an Kontakten aufzubauen, mit denen ich gern zusammen arbeiten möchte. Das waren Labels, Veranstalter, Booker und natürlich auch eine ganze Reihe gleichgesinnter Künstlern, die wie ich nur ein Ziel hatten: ihre Musik unter die Leute zu bringen.

Wer meine Musik noch aus den Jahren 2006-2008 kennt, hört natürlich zu den heutigen Produktionen himmelweite Unterschiede. Klar, eine gewisse Entwicklung macht ja jeder mal durch. Meine war stilistisch und auch technisch immer vom Lernen geprägt. Klanglich war damals alles noch… na sagen wir mal: in der Aufbauphase. Ich hatte 2007 eine Veröffentlichung auf Ostwind Records, die A-Seite hieß „Kein Kind von Traurigkeit“ und ich weiß noch wie mein damaliger Booker Holgi fragte „Du, Marc, sag mal… die Kick?! Ist die auf dem Postweg verloren gegangen?“ Hahahaha…. Okay, ich mag den Track heute immer noch sehr, aber würde so vieles einfach völlig anders machen. Gerade weil man die eigenen Ohren auch auf guten bzw. richtigen Klang geschult hat. Und dabei ist es für meine Begriffe völlig irrelevant, welche Software man dazu benutzt.

Aber zurück zur Timeline! 2007 hatte ich meinen ersten Auslandsauftritt, in Warschau (Polen). Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mit 2 randvoll gepackten Plattenkoffern die 10-stündige Zugreise angetreten habe. Heute greife ich mir dafür an den Kopf. Wozu in aller Welt habe ich 2x 30 Kilo Vinyl für ein zweistündiges DJ-Set mitgeschleppt? Aber klar, das war natürlich eine Erfahrung, es war ein riesengroßes Erlebnis und für mich damals der Punkt, wo ich mir selber gesagt habe: ‚Junge, das willst du machen!‘ – und zwar nicht nur einmal im Jahr. Irgendwo kann man heute sagen, dass mir diese Abenteuer-Gigs damals den Antrieb gegeben haben, mehr zu erreichen. Das war eine Phase, die mir die Augen geöffnet hat. Wenn mir mein Job nicht das ermöglicht, was ich möchte, dann nehme ich mein Glück selber in die Hand.

Mit den ersten größeren Veröffentlichungen auf Ostwind und BluFin habe ich es dann ab 2008-2009 in viele weitere Länder Europa´s geschafft. Dort auflegen zu dürfen war immer ein großes Privileg für mich. Quasi „der kleine DJ aus Leipzig in der großen Welt“ – so richtig greifen konnte ich das alles noch nicht. Als die Auftritte dann regelmäßiger, die Clubs größer und der Zuspruch höher wurden, hat man sich schon wie so ein wenig daran gewöhnt: Montag bis Freitag vormittags seinen geregelten Job in der Verwaltung machen, ab nachmittags dann jeweils im Studio hocken und ab Freitag Abend dann im Auto, Zug oder Flugzeug sitzen – auf dem Weg zum Gig.

So gingen etliche Jahre ins Land und es hat alles wahnsinnig viel Spaß gemacht. Solange, bis der Körper eine ganz natürlich Reaktion zeigte und das alles nicht mehr so einfach ging. Die Einsicht kam: man kann nicht das komplette Wochenende über feiern und reisen und dann Montag früh wieder auf Arbeit sitzen und seine Leistung bringen. Klar, 1-2 Mal geht das sicherlich, aber natürlich muss man seinem Körper auch immer wieder Erholung anbieten und so wurde das „selbständig sein mit Musik“ immer öfters ein Thema. Und Ende 2012 war es für mich dann so weit, eine Entscheidung zu fällen: Entweder ganz oder gar nicht, keine halben Sachen mehr!

Heute bin ich froh, diesen Schritt gewagt zu haben. Der Schritt, aus meinem Hobby einen Beruf zu machen. Es fühlt sich toll an, alles in den eigenen Händen zu haben, sein eigener Chef zu sein. Aber es ist auch eine große Umstellung. Es gibt keine Kollegen mehr zum Quatschen, das soziale Arbeitsumfeld ist im Grunde völlig erloschen, denn das ersetzt keine E-Mail, Chat oder Telefonat. Und plötzlich gibt es auch kein festes Gehalt mehr am Ende des Monats auf´s Konto, nein – dafür muss man ab jetzt selber sorgen. Und man muss auch nicht nur für seine Miete und Nebenkosten aufkommen, sondern natürlich in sämtlichen Bereichen privat versichert sein, das kommt monatlich auch noch oben drauf.

Dafür lernt man völlig neue Arbeitszeiten kennen, wobei ich das was ich tue niemals als Arbeit in dem Sinne bezeichnen würde. Natürlich beginne ich nicht jeden Tag zur gleichen Uhrzeit – quasi nach Stechkarte. Das ist ja Quatsch. Da die Arbeit ja Spaß macht und man sich im Grunde 24 Stunden am Tag damit beschäftigt, hat man auch immer einen genauen Plan im Kopf, was man machen möchte, wohin man will und welche Ziele man sich kurz- mittel- oder langfristig stellt. Also so etwas wie ein „9 to 5 job“ gibt es nicht mehr. Feierabend in dem Sinne natürlich auch nicht.

Natürlich hat man auch mal antriebslose Tage. Man kann sich ja nicht wirklich jeden Tag selber in den Allerwertesten treten, damit man etwas macht. An solchen Tagen sollte man die „Kiste“ dann auch mal aus lassen und sich einen Tag Freizeit gönnen. Die kommt sowieso viel zu kurz, auch wenn einem das selber gar nicht so bewusst ist. Zugegebenermaßen habe ich auch das Zeitgefühl etwas verloren. Dass heute Mittwoch ist, musste mir erst ein Blick in den Kalender verraten. Irgendwie ist mir noch wie Dienstag. Das liegt aber auch daran, dass man nie wirklich abschalten kann und ein richtiges Wochenende im Sinne von 2 Tagen Erholung am Stück gibt es auch nicht. Schließlich geht man als DJ dann arbeiten, wann andere Wochenende machen. Und den Rest der Zeit verbringt man damit, sein erklommenes Treppchen zu verteidigen.

Frei nach dem Motto „Andere Mütter haben auch schöne Töchter“ kann man sinnbildlich sagen: „Andere Labels haben auch gute Acts“. Ich sehe die Branche aber nicht als Konkurrenzkampf, wobei ich häufig das Gefühl habe, dass sich einige lieber gern die Augen auskratzen würden. Ich bin der Meinung: es gibt viel zu schöne Musik von viel zu guten Künstlern, die es echt verdient haben gepusht zu werden. Gerade wenn man sich über die Jahre kennen und schätzen gelernt hat. Und dafür liebe ich auch meine DJ-Sets, denn da kann man die Musik von Anderen auch einfach mal richtig laut im Club feiern. Es ist gerade schön, wenn man die Musik bzw. die Produzenten dahinter auch persönlich kennt, somit hat man egal wo man spielt auch immer etwas Familie und Freunde im Herzen.

Trotzdem ist auf dem Markt natürlich keine Monopolstellung für irgend jemanden vorgesehen. Es gibt einfach unzählige DJs und Produzenten, die es echt drauf haben und die ebenso Tag für Tag Gas geben, um bekannter zu werden. „Höher, schneller, weiter“ ist der eine Weg, aber gegen den Mainstream habe ich mich entschieden. Dann lieber die Musik machen, die ich liebe. Nichts macht mir weniger Spaß als Fremdproduktionen in einem Musikgenre zu machen, was mich überhaupt nicht (mehr) begeistert. Ende 2010 habe ich damit auch aufgehört.

Heute ist es so: man kann sich über das freuen, was man sich über die Jahre aufgebaut hat. Aber sobald man anfängt, locker zu lassen, fällt man hinten wieder runter. Ich habe es letztens mal irgendwo gelesen: vor 10 Jahren hat es für einen DJ völlig ausgereicht, wenn er gut auflegen kann. Heute muss man alles miteinander vereinen: man muss DJ, Produzent, Label-Manager, PR-Agent, Marketing-Hero, Booker, Entertainer etc. sein. Das trifft es ziemlich auf den Punkt. Man hat in der immer populärer werdenden „EDM-Szene“ (was hasse ich diese 3 Buchstaben) ein absolutes Überangebot an Musikern, die alle irgendwo hinein drängen. Daher ist es die tägliche Aufgabe, immer wieder etwas zu präsentieren, was die eigene Arbeit zum Unikat macht. Und das ist gewissermaßen nicht einfach. Keiner erfindet das Fahrrad neu, aber es ist unglaublich wichtig neue Innovation auf den Markt zu bringen, denn imitieren bzw. einem Trend folgen kann jeder.

Was also nehme ich aus dem einen Jahr Selbständigkeit für mich persönlich mit?

1.) Schaff dir immer deine Freiräume, die braucht man. Auch wenn der Job für mich 100% positiver Stress ist: man braucht trotzdem seine Auszeiten um den Akku mal aufzuladen, denn das ist unglaublich wichtig. Auch der Kreativität wegen.

2.) Verschwende keine Zeit mit Dingen, die dich nur aufhalten oder mit Leuten, die den ganzen Tag nur labern, labern, labern ohne dass irgendetwas passiert.

3.) Verliere den Kontakt zu deinen Freunden nicht. Die sind das Wichtigste und Beste, was man haben kann. Dafür sollte man sich auch die Zeit nehmen, auch wenn der Kopf gerade voller Ideen und Möglichkeiten ist.

4.) Schätze das, was dir hier ermöglicht wird und erkenne jeden Tag als riesengroßes Privileg an. Und respektiere jeden für seinen Job, egal was er tut. Aber okay, das habe ich auch vorher schon gemacht.

So, nun ist die zweite Tasse Kaffee leer und ich werde mich mal langsam ins Studio setzen um wieder ein paar neue Klänge zu basteln. Und da sind wir auch schon beim Kreislauf: wenn keiner meine Musik hören würde, hätte ich dadurch keine Verkäufe bzw. Reichweite in den sozialen Netzwerken. Tja und dann hätte ich natürlich auch keine Gigs, womit man in der heutigen Zeit ja gut 80% seines Monatseinkommens bestreitet.

Somit möchte ich meinen ersten Blog-Eintrag hier mit einem FETTEN DANKESCHÖN an euch beenden! Denn ohne euch wäre das alles gar nicht möglich. Dafür bin ich unendlich dankbar und glücklich und möchte euch ein wenig von den Sonnenstrahlen schicken, die hier gerade herunterkommen. Hach… wie schmalzig und sentimental 🙂

Aber ehrlich.

Bis zum nächsten Mal, danke für´s Lesen.

Marc.

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Veröffentlicht in Allgemein
4 comments on “Selbst und ständig… Ein Leben in der Selbständigkeit als Musiker
  1. Herr Lausch sagt:

    super interessant und schön geschrieben…
    ich freue mich auf den nächsten 🙂

    hab weiterhin viel viel Erfolg !!!!

  2. dries sagt:

    Great and inspiring read, Marc 🙂 you are a true example man! 🙂 hope to see you in Belgium sometime soon 🙂

  3. Das habe ich gerne gelesen, durchweg die Liebe zur Musik gespürt und hätte gerne gewusst was es denn zum Kaffee dazu gab…. 😉 Vielleicht schreibst du ja nächstes mal etwas mehr oder ausführlicher wie denn die „Allrounder-Funktionen im einzelnen aussehen…
    Ich würde es lesen – ganz sicher… 🙂

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